Die Ferne sucht einen naturbegeisterten Künstler auf
Jakob Kirchmayrs riesiges Fastentuch ziert den Innsbrucker Dom. In Salzburg lässt es sich tiefer in seine Kunst eintauchen.
Text: Florian Oberhummer, Salzburger Nachrichten, 03.03.2026
SALZBURG. Zwölf Meter hoch und sechs Meter breit: Das Fastentuch im Innsbrucker Dom St. Jakob besitzt allein aufgrund seiner Dimensionen einen enormen Schauwert. 140 Quadratmeter Baumwollstoff hat Jakob Kirchmayr zerteilt, geräuchert, dem Regen ausgesetzt und dann wieder zusammengenäht. Das Ergebnis ist eine durchlässige Installation, der man ihren aufwendigen Entstehungsprozess anmerkt. „Fastentücher hatten anfangs die Funktion des Verhüllens der kirchlichen Pracht", sagt Jakob Kirchmayr. Das Verdecken anderer Symbole liege ihm jedoch nicht. Dennoch arbeitet der gebürtige Tiroler buchstäblich vielschichtig, wie derzeit eine Ausstellung in der Salzburger Galerie Frey zeigt. Im SN-Gespräch skizziert er den Arbeitsprozess:
Dieser beginne auf dem Boden, wo mehrere Schichten aufgetragen werden - mit verschiedenen Materialien wie Acryl, Tusche, Buntstift und auch mit der Hand. „Die großformatigen Arbeiten erfordern körperbetontes, dynamisches Arbeiten. Ich empfinde das als lustvoll."
Die abstrakten Arbeiten hätten viel mit seiner Sehnsucht nach der Ferne zu tun, verrät der Künstler. Eine zeichnerisch anmutende Werkserie trägt den Titel „Reisenotizen". Zu den Arbeiten der Salzburger Ausstellung, die den Betrachter förmlich in ihren Bann ziehen, zählt „Durst", ein wuchtiges Querformat aus verschiedenen vom Künstler selbst angefertigten Blautönen.

Das Bild sei nach einer Befahrung des Flusses Piave mit dem Kanu entstanden, und zwar „bei ablaufendem Hochwasser“. Dass Jakob Kirchmayr sich in seinen Reisen durchwegs mit reiner Muskelkraft fortbewege, sei Naturerlebnissen aus seiner Kindheit geschuldet. „Ich bin von der Abenteuerlust meiner Eltern geprägt“ schildert der Künstler, der die Weite Tirols gegen die Weltstädtigkeit seines aktuellen Wohnorts Wien eingetauscht hat.
Ebenso prägend wie die Naturerlebnisse mit seinem Vater und seinen beiden Brüdern dürfte für Jakob Kirchmayr auch die künstlerische Herkunft sein. Sein Großvater Toni Kirchmayr und sein Vater, der unter dem Künstlernamen Anton Christian tätig ist, sind bedeutende Tiroler Maler. Sein Vater zählte den Dichter Paul Celan zu seinen Bekanntschaften, auch Jakob Kirchmayr setzt sich leidenschaftlich mit Lyrik auseinander.
In Werktiteln wie „Die Ferne sucht mich auf" spiegelt sich das Interesse für Literatur. Zu den Inspirationsquellen zählt neben dem griechischen Lyriker Giannis Ritsos auch der Salzburger Dichter Georg Trakl: Dessen Gedichte hätten einen Einfluss auf viele seiner Werke gehabt. „Mein figuratives Schaffen hatte viel mit Schmerz und Verzweiflung zu tun."
Heute arbeitet Jakob Kirchmayr durchwegs abstrakt. Seine jüngsten Arbeiten, aus denen er die Ausstellung in der Galerie Frey zusammengestellt hat, erfordern den genauen Blick. Das reicht bis zur Wahl des Mediums, das eine ganz eigene Plastizität besitzt. Ich verwende gerne handgeschöpftes Papier aus Nepal, das seit Tausenden Jahren auf diese Art gemacht wird". schildert der Künstler. Warum? „Weil es eben nicht perfekt ist."
Ausstellung: „Jakob Kirchmayr Tage der Stille"
Galerie Frey, Salzburg, bis 18. April.