Jakob Kirchmayr setzt sich mit großen Themen der Gegenwart auseinander, die durchaus Bezug zur griechischen Mythologie haben können. Das Bild Prometheus aus dem Jahr 2023 ist in Imst zu sehen.

Jakob Kirchmayr verdichtet Natur, Erinnerung und Gegenwart: Wir werden von derselben Erde getragen

IMST(alra). Mit der Ausstellung „Wir werden von derselben Erde getragen“, zeigt Jakob Kirchmayr in der Städtischen Galerie Theodor von Hörmann einen eindringlichen Zyklus von ästhetischer Klarheit und inhaltlicher Prägnanz. Der 1975 in Tirol geborene, in Wien lebende Maler entstammt einer Künstlerfamilie in dritter Generation und ist international etabliert. Große öffentliche Aufmerksamkeit erhielt er zuletzt mit dem monumentalen Fastentuch „Spuren des Feuers“. Bis 4. Juli sind 14 abstrakte teils großformatige Arbeiten in Imst zu sehen, in denen sich persönliche Erfahrung, intensive Naturwahrnehmung und gesellschaftliche Fragestellungen verdichten. 

Text: Alexandra Rangger, Mein Bezirk, 8. April 2026

Zur Vernissage am 23. April begrüßte Kulturreferentin Barbara Hauser. Für den musikalischen Rahmen sorgte ein Ensemble der Landesmusikschule Imst mit Johannes Nagele, Paula Walch und Chiara Jenewein mit Werken von Johann Sebastian Bach. Laudatorin Karin Pernegger (Kunstraum Schwaz) stellte den lyrischen Zugang des Künstlers ins Zentrum und verwies auf inhaltliche Bezüge zu Texten von Jannis Ritsos. Dabei hob sie das Motiv der Stille hervor – ein zentraler Gedanke, der sich konsequent in Kirchmayrs Bildsprache widerspiegelt: „Jakob Kirchmayr fordert Achtsamkeit ein. Er holt sich aus der Natur Kraft, sucht unberührte Räume, die zur Langsamkeit führen.“

LANGSAMKEIT ALS ZUGANG

Bereits im Foyer setzt das erste Bild mit dem Titel Langsamkeit II (2025) ein deutliches Zeichen. Es fordert den Einstieg in die Entschleunigung – Wahrnehmung wird als mehrdimensionaler Prozess erfahrbar. Auf ein erstes Erfassen folgt ein vertieftes Sehen, in dem sich Linien, Verdichtungen und Übergänge allmählich in ihrer Präzision erschließen – Verbindungen, aber auch kaum merkliche Brüche treten hervor. Es entsteht Aufmerksamkeit, die sich gegen das Flüchtige richtet, das Bild hält den Blick fest – sanft, aber konkret. Vom ersten Eindruck bis hin zur Durchdringung zeigen sich Verschiebungen. Ruhe bildet die Hülle einer aufwühlenden Komposition – eine Rhythmik, die sich erst in der Langsamkeit freilegt.
Dies gewinnt Bedeutung im Kontext einer Gegenwart, die von Beschleunigung und Reizüberflutung geprägt ist. Kirchmayr bringt große Themen in eine dicht formulierte Fassung, ohne sie explizit auszustellen. Die Ausstellung zielt auf Konzentration und entfaltet ihre Wirkung dort, wo Umgebung, Auge und Geist zur Ruhe kommen – dort, wo das Tempo der Zeit am Werk innehält.

FEUER, SPUR UND TRANSFORMATION

Im ersten Raum verdichten sich zentrale Fragestellungen zu einer eindringlichen Bildsprache. Arbeiten wie Zeit der Stürme (2022), Prometheus (2023) und der Entwurf Fastentuch (2023) verhandeln Zustände von Umbruch und Veränderung – nicht gegenständlich erzählerisch, sondern im Aufbau der Bilder selbst: im Aufeinandertreffen von Stimmungen, im Durchdringen scheinbar zufällig gesetzter Momente.

Dass in Imst der Entwurf Fastentuch zu sehen ist, während das großformatige Werk „Spuren des Feuers“ andernorts zurecht mediale Aufmerksamkeit erfährt, lenkt den Blick auf etwas Entscheidendes: den Prozess. Ein Zustand des Suchens, Forschens und Annäherns – ein Anfang, ein Impuls, den Kirchmayr in jedem Werk, in jeder Schicht neu – ohne Skizze – setzt.
Am Beginn stehen meist innere Regungen: ein Gedanke, eine Erinnerung, ein Gefühl. Daraus entwickelt sich ein offenes Arbeiten, ein Hinspüren auf ein Ziel, das sich häufig erst im Erreichen erkennen lässt. Entscheidungen entstehen im Zusammenspiel von spontaner Geste und kontinuierlichem Abwägen, Zuspitzen und Zurücknehmen. Dieses Vorgehen ist eng mit persönlichen Erfahrungen und intensiven (Natur)wahrnehmungen verbunden. Landschaftliche Eindrücke, atmosphärische Zustände und körperlich erinnerte Empfindungen gehen in die Arbeiten ein, ohne konkret abgebildet zu werden. Sie durchdringen den Boden der Abstraktion und reichern ihn mit den Vorgängen, die Jakob Kirchmayr zutiefst beschäftigen an. Sie sind Zeichen, die er im Bild, in der Zeit und nicht zuletzt auch in seinem gesamten Schaffen einer inneren Entsprechung folgend einreiht. Literarische Bezüge begleiten den Prozess – insbesondere eine Lyrik, die in fragmentarischen Bildern denkt und Bedeutungen offenhält. Die Werke machen nachvollziehbar, wie Kirchmayr dynamisch in innere und äußere Zustände eintaucht. Sie wirken offen, unmittelbar und sinnlich durchlebt – erfahrungsgetragen. Zwischen Schönheit und Abgrund, Kraft und Fragilität entsteht eine Ebene, auf der Andenken und kritische Befragung nebeneinanderstehen. Dunkle Zonen werden von lichten Öffnungen gebrochen – Momente, in denen sich Hoffnung, Weiterdenken und Regeneration andeuten. „Selbst nach Zerstörung entstehen neue Formen“, sagt Kirchmayr. „Ein verbrannter Landstrich kann wieder fruchtbar werden – diese Regenerationsfähigkeit interessiert mich.“

Formal zeigt sich dies in einer Malweise der Überlagerung und Freilegung. Farbfelder verschieben sich, werden verwischt und erneut sichtbar gemacht. Rot setzt Akzente, während Blau- und helle Partien Tiefe erzeugen. Linien durchziehen die Oberfläche – als Kratzspuren, Richtungswechsel und sichtbare Eingriffe in einen fortlaufenden Prozess. Besonders prägnant sind die verlaufenden Strukturen: Rinnsale, die sich durch Erhebungen und Verdichtungen ziehen, ihren Weg suchen, abbrechen und neu ansetzen. Sie reagieren auf Material, Bewegung und Widerstand – und finden dort Ruhe. Doch auch in diesen Momenten bleibt Bewegung spürbar.

NOTIERT, ERINNERT, BEWAHRT

Mit den „Reisenotizen“ im zweiten Raum verschiebt sich die Perspektive. Die Arbeiten aus 2024 wirken zunächst zurückhaltender, entfalten sich jedoch gerade in ihrer seriellen Anordnung. Linien verdichten sich zu Gefügen, die an Vegetation, Landschaftsfragmente oder deren Strukturen erinnern, ohne sich festzulegen.

Die Blätter erscheinen wie visuelle Aufzeichnungen – nicht von konkreten Orten, sondern von Wahrnehmungen an Orten, die sich in ihrer Essenz in ein Lebenstagebuch einschreiben. „Es sind Momente und Empfindungen, die hängen bleiben“, beschreibt Kirchmayr diesen Zugang. „Nicht der Ort ist entscheidend, sondern das, was sich in der Wahrnehmung absetzt.“

POETIK DER ANDEUTUNG

Im dritten Raum steht den Betrachter*innen ein einziges Werk gegenüber: Wir tragen in unseren Taschen alte Fotos des Frühlings (2025/26), ein großformatiges Bild (147 × 281 cm), das Raum und Aufmerksamkeit vollständig bindet – und kaum Ausweichbewegung zulässt. Es wirkt wie ein Zielpunkt – als bündele sich hier, worauf die Ausstellung von Beginn an zusteuert. Bereits zuvor öffnen sich Blickachsen auf das Werk, fragmentarisch und aus der Distanz: zunächst als Ahnung, als visuelles Versprechen, das sich erst im unmittelbaren Gegenüber einlöst. Das Bild fordert eine Form der Begegnung ein – Rückzug, vielleicht sogar ein Alleinsein mit den Erinnerungsräumen, die es öffnet, und mit den vagen Bildern, die der Titel auszulösen vermag. Kraftvolle Linien und Farben wachsen aus der Fläche, verdichten sich und lösen sich wieder auf. Fragmentarische Worte treten zart hervor – dass diese noch kurz vor Beginn der Vernissage ergänzt wurden, erinnert daran, dass alles seine Zeit hat: die Form, die Farbe, die Worte, der Moment des Schreibens für den Künstler – der Moment des Lesens für die Betrachter*innen. „Sprache kann betonen oder lenken, aber zu viel lenken will ich nicht – ich möchte Raum lassen, damit man sich im Bild verlieren kann“, so Kirchmayr.

TRAGEND, HALTEND, SCHWEBEND

Ein zentraler Aspekt von Kirchmayrs Arbeit liegt in der konsequenten Einbindung des Materials als eigenständige Ausdrucksebene. Er arbeitet mit Farbstift, Tusche, Gesso, Acryl und reinen Pigmenten auf Lokta-Papier aus Nepal. Der Träger bleibt nicht bloßer Untergrund, sondern tritt unter der Einwirkung des Künstlers markant in Erscheinung: Er wölbt und wellt sich, reagiert auf Feuchtigkeit, zeigt Spannungen, Risse und unregelmäßige Kanten. Farbe dringt ein, wird zurückgenommen, Fläche zeichnet sich ab, verschiebt sich – der Entstehungsprozess bleibt als Abfolge von Eingriffen und Entscheidungen lesbar: öffnen, verschließen, balancieren zwischen Ruhe und Unbändigkeit. Im Entwurf Fastentuch verdichtet sich diese Arbeitsweise exemplarisch. Das verbrannte, geräucherte Gewebe trägt den Prozess – als Experiment und Ereignis zugleich. Die eigens gefertigten Rahmen aus Naturholz – ohne Glas – verstärken diese Unmittelbarkeit. Das Papier bleibt sichtbar und erfahrbar: gefasst, aber nicht abgeschlossen, mit der Möglichkeit auf (seitliche) Einblicke. So entsteht ein präzises Spannungsverhältnis zwischen Begrenzung und Offenheit. Die lebendige Unregelmäßigkeit des Papiers trifft auf die Klarheit der Rahmung, ohne sie zu berühren – im Zwischenraum entfaltet sich eine fragile Schwebe – in der das Bild scheinbar in den Raum atmet. „Das Bild ist kein rein zweidimensionales Objekt“, so Kirchmayr. „Durch die Art der Präsentation bekommt es etwas Räumliches – etwas Skulpturales.“

KUNST ALS GEGENPOSITION

Vor dem Hintergrund aktueller ökologischer und gesellschaftlicher Herausforderungen entwickelt Kirchmayr eine Haltung, die sich nicht in plakativen Aussagen erschöpft, sondern sich in seinen Bildern als Erfahrungsraum manifestiert – bewusst gesetzt und zugleich offengehalten. Natur erscheint dabei nicht als Ressource, sondern als Beziehungsebene. Der Ausstellungstitel „Wir werden von derselben Erde getragen“ erhält hier Vielschichtigkeit: nicht nur als poetischer Bezugspunkt, sondern als gedanklicher Kern der Arbeit. Er erinnert an existenzielle Zusammenhänge – und an jene Achtsamkeit, die ein gemeinsames „getragen sein“ voraussetzt. Angesichts der massiven Wunden, die menschliches Handeln hinterlässt, verschiebt sich dieser Gedanke aus dem Bereich des Selbstverständlichen in den der bewussten Wahrnehmung: „Wir sitzen alle im selben Boot – mich begleitet ein großes Unverständnis darüber, dass das nicht begriffen wird“, so Kirchmayr.

Die Bilder erschließen sich im Innehalten – als gegenwärtige Momente – die auch oder gerade aktuell in einer „Zeit der Stürme“ (Titel Bild Raum 1) entscheidend sind. Sie eröffnen einen Raum, der sich nicht festlegen lässt und dennoch zusammenhält: getragen von derselben Erde. Offenheit und zugleich Aussage bestimmen diesen Raum – nicht als Gegensatz, sondern als Form: Die Bilder sind durchlässig für Sicht- und Denkweisen und zugleich tief verwurzelt in der Intention des Künstlers. So ermöglichen sie unterschiedliche Lesarten, was Kirchmayr besonders wichtig ist. In seinen eigenen Worten: „Es geht mir darum, ein Gefühl für die Gegenwart zu schaffen. Keine laute Botschaft – eher eine leise Stimme, die konstant da ist.“

 

 

Wann: Vernissage 23.4.2026, Ausstellungsdauer 24.4. bis 4.7.2026
Öffnungszeiten: DO bis SA von 14 bis 18 Uhr, an Feiertagen geschlossen

Wo: Städtitsche Galerie Theodor von Hörmann, Stadtplatz 11, 6460 Imst