Künstler

A GLIMPSE OF MEMORY AND TIME

Text: Angelika Seebacher

A Glimpse of Memory and Time – Ein Gedanke, der aus der Vergangenheit aufblitzt, oder ein Gefühl, das plötzlich und sehr intensiv da ist: So beginnt meist der Schaffensprozess von Jakob Kirchmayr. Es gibt fast nie eine konkrete Idee, wenn er sich einem neuen Bild widmet. Vielmehr ein kontinuierliches Hinspüren, begleitet von verschiedenen äußeren Einflüssen und der Lyrik von Jannis Ritsos, die dem Künstler seit Jahren als Inspirationsquelle dient.

Jakob Kirchmayr ist Künstler in dritter Generation. Seine Wurzeln liegen in Tirol, Österreich, und die dort verbrachte Zeit in der Natur und in den Bergen wirkt heute stark in seiner Kunst nach. „Es war eine archaische Welt, in der ich aufwuchs, geprägt von der unbändigen Abenteuerlust meines Vaters“, so Kirchmayr. Er verbindet Farben und Gerüche mit starken Emotionen und Erinnerungen aus der Kindheit. Erinnerungen an die vielen Reisen, die er mit der Familie nach Griechenland noch vor den ganz großen Umweltsünden unternahm und bevor der Massentourismus seine zerstörerische Wucht entfalten konnte. Über die Jahre beobachtete Kirchmayr, wie sich die unberührte Natur kontinuierlich im Schwinden befand und die Verschmutzung immer größer wurde. Mit der Zeit zogen Schwermütigkeit, Traurigkeit und Wut über die globalen Missstände und Rücksichtslosigkeiten des Systems, in dem wir leben, bei ihm ein.

Besonders berührte den Künstler in diesem Zusammenhang auch ein Brief Ritsos an seinen Bruder aus dem Jahr 1950, in dem der griechischen Lyriker das extreme Unrecht und die unsagbare Gewalt beschreibt, die ihm und Tausenden anderen Inhaftierten auf den sogenannten Verbannungsinseln widerfuhren. Menschen, deren einziges Verbrechen darin lag, für Freiheit und Frieden zu kämpfen. Vieles in Ritsos Texten lässt sich eins zu eins auf die Gegenwart mit ihren alltäglichen Menschenrechtsverletzungen übertragen, seine an Sinnzusammenhängen reiche, bildhafte Sprache wirkt nicht selten wie ein schockierendes Déjà-vu.

All das fließt in Kirchmayrs vielschichtige, überdimensionale Arbeiten mit ein, die aktuell auf handgeschöpftem Papier aus Nepal entstehen, das von Haus aus eine lebendige, ganz eigene Struktur aufweist. Ausgehend von einem Impuls, ohne Skizze oder Plan, schält sich während dem meist länger dauernden Arbeitsprozess aus der anfangs komplett abstrakten Malerei langsam etwas heraus. Etwas, das an mystisch anmutende, zerklüftet felsige Landschaften denken lässt, deren viele Facetten, Schattierungen und Tiefen die Gedankenwelt des Künstlers widerspiegeln. Einerseits Metaphern und Projektionen Kirchmayrs‘, ist man geneigt, diese Bilder auch als Porträt des kollektiven Gemütszustandes ihrer Zeit zu deuten.

Zwischen den dichten, ineinandergreifenden Farbschichten, Zeichen- und Schriftelementen, filigran und expressiv zugleich und zurückzuführen auf eine regelrechte Katharsis des Künstlers, tauchen stark und deutlich immer wieder Lichtmomente auf. Leuchtendes Blau, ein kleiner Funke Orange und das immer präsente, durchschimmernde Weiß machen mitunter die faszinierende Balance und Anziehungskraft von Jakob Kirchmayrs tiefgründiger Malerei aus – und auch das lässt sich wiederum auf das größere Ganze übertragen.

 

 

Raumansicht Atelier mit Bilder

JAKOB KIRCHMAYR – STUDIO DIARY

In einer Zeit allgemeiner Einschränkungen, gewährt das Kunstmagazin PARNASS, Einblicke in Künstlerateliers – so auch in mein Studio.