MALEREI DIE SPRECHEN KANN

Text: Nicole Albiez

So viel Leben auf einem Blatt Papier: Über den Maler Jakob Kirchmayr, der schichtenweise Perspektiven, Eindrücke und Ideen verarbeitet.

Das Papier wellt sich unter den vielen Schichten. Den Status als „weißes Blatt Papier“ hat es zweifellos längst hinter sich gelassen, es ist zum dreidimensionalen Objekt gewachsen – zu einer Landschaft. Der Maler Jakob Kirchmayr hat sie kreiert. Und er stellt diese Landschaft, die sein Trägermedium nun bildet, wohlüberlegt mit aus: Die aktuell in der Außenstelle der Galerie Hilger – der Hilger NEXT in der Brotfabrik – gezeigten Großformate wurden zwar mit einem Rahmen versehen, sie werden aber nicht hinter eine Glasfläche gesperrt: „So können sich die Bilder bewegen und das Papier einen Schatten werfen. Das Bild erhält so noch eine andere Tiefe“, unterstreicht Kirchmayr beim Rundgang durch seine Ausstellung „Der Geschmack von Erde“.

Es ist Kirchmayrs zweite große Einzelausstellung bei Hilger. Erst im Vorjahr versammelte „Schwarze Himmel von Metall“ 15 Arbeiten des 1975 in Tirol geborenen und in Wien lebenden Künstlers; die Bilder, die unter dem Eindruck von Textzeilen von Georg Trakl standen, wurden von den markanten Figuren bevölkert, für die Kirchmayr bis dato bekannt war. Für den Moment aber scheint er das Konkrete hinter sich gelassen zu haben.

Jakob Kirchmayr kreiert Atmosphären – auch für den Schaffensprozess: Er arbeitet mit Literatur im Kopf. Das ist vom Beginn seiner beruflichen Laufbahn – als er Kinderbüchern und Sagen ihre visuelle Ebene schenkte – übrig geblieben. Heute versammelt er gerne Lyriker, schreibt manchmal ihre Zeilen auf seine Leinwände: „Mich fasziniert die Verdichtung der Texte“, schwärmt er. „Mit ganz wenig alles aussagen können. Texte, die mit so viel Inhalt und Emotion aufgeladen sind.“ So könnte man auch seinen Pinselstrich beschreiben, der filigran und expressiv zugleich ist.

Aktuell sind es drei Autoren, die alle im 20. Jahrhundert wirkten, aber aus ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten stammten – politisch wie geografisch –, die Kirchmayr beschäftigen: Der Schwede Tomas Tranströmer, die polnische Nobelpreisträgerin Wisława Szymborska und der Grieche Jannis Ritsos.

Es sind spannende Bezugsrahmen, die auf diese Weise entstehen: „Wenn Tranströmer von Freiheit und Weite spricht, meint er etwas anderes als Ritsos, der aufgrund seiner politischen Haltung in Gefangenschaft war.“ Und wenn Kirchmayr an Griechenland denkt, dann sieht er nicht nur Ritsos’ Perspektive, sondern auch das heutige, wirtschaftlich marode und gleichzeitig von Touristen überrannte Griechenland – und außerdem das Griechenland seiner Kindheit, das er mit seinen Eltern und seinen beiden Brüdern während längerer Aufenthalte erlebte. Blutige Erde trifft auf fröhlichen Strandtag. Papier als Verarbeitungsmaschine. Dass sich das Papier unter den vielen Ebenen wellt, ist also nicht weiter verwunderlich.

Kirchmayr erzählt in seinen Arbeiten viel – auch, weil er ohne Skizze und so mitunter Schicht für Schicht arbeitet. „In der Skizze steckt die ganze Spontaneität; die erste Idee, der erste Impuls. Wenn man eine gute Skizze übertragen möchte, erreicht man nie wieder ihre Qualität. Das Spontane geht bei der Übertragung verloren, die Linienführung verliert ihre Dynamik.“ So bewahrt er sie. Und so entstehen emotionale, dichte Arbeiten. Er trage seine Seele zur Schau, sagt Kirchmayr mit einem Hauch von Pathos; manchmal ist es auch Wut – etwa in politischen Kommentaren wie der Arbeit „Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau“ (2018), die von Nestlés Umgang mit Wasser und dessen Folgen erzählt. „Ich habe aber nicht immer die Kraft, mich politischen Themen zu widmen“, erklärt er, fast entschuldigend, Georg Christoph Lichtenberg zitierend: „Mir tut so vieles weh, was anderen bloß leid tut.“

Der Pinselstrich begleitet Kirchmayr, der ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste lang einen Abstecher in Richtung Restaurierung unternahm, bereits sein ganzes Leben: Er ist Maler dritter Generation – wie sein Vater und sein Großvater. Dies bedeutete nicht nur einen Kraftaufwand in Stilentwicklung, sondern auch in Abgrenzung. „Ein Umfeld prägt immer. Mein Vater hat mir das Zeichnen gelernt. Mit der Zeit findet man zu etwas Eigenständigem, aber man muss viel arbeiten.“ Er arbeitete viel. Bis seine Arbeit Wellen schlug.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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