Text: Almuth Spiegler, DIE PRESSE, Februar 2024

Augen Fasten? Nicht mit diesen Tüchern!

Noch nie war es so populär, zeitgenössische Künstler mit Fastentüchern zu beauftragen. Wo sind die spannendsten? Was bedeuten sie überhaupt? Ein Rundgang durch Kirchen in Wien und Innsbruck, von Helnwein bis Herbert Brandl und Gabriele Rothemann.

 

Mit ästhetischer, aber auch biblischer Wucht nimmt das neue Fastentuch in der Wiener Michaelerkirche sich seinen Raum, sehr viel Raum. Es verhängt nicht nur den Hochaltar, sondern trennt gleich den ganzen barockisierten Chorraum ab: Sechs mal zwölf Meter messen die in schwere Falten gelegten, teils verkohlten Tücher, die der Tiroler Maler Jakob Kirchmayr hier aufgespannt hat. Was ist das nur?

Man muss ein wenig suchen, bis man den Künstler selbst entdeckt, mit dem wir uns hier verabredet haben. Still sitzt er in einer Reihe, betrachtet sein Werk, bei weitem das größte bisher. Sonst bearbeitet er eher nervös, gestisch-abstrakt mit Acryl, Tusche, Farbstift durstigen, saugfähigen Untergrund: Büttenpapier, Segeltücher, Lein­wände. Rohes Material scheint ihm zu liegen. Woran aber dachte er nur bei dieser, man muss schon sagen: spektakulären Installation? An die abgezogene Haut, die der antike Marsyas oder in Folge der Hl. Bartholomäus in Händen tragen müssen?

Die Assoziation mit Tierhäuten sei tatsächlich häufig, weiß Kirchmayr. Wenn es auch nicht seine war. Ihm ging es um ein Abbild des Gefühls dieser Zeit. Und er wusste: Mit seinen bisherigen malerischen Mitteln, in seinen bisherigen Dimensionen hätte er seine Traurigkeit und die Wut darüber nicht ausdrücken können. Die Welt liege im Argen, brenne in unterschiedlichen Bereichen. Die Klimakrise nennt er, die Kriege. All seinen Schmerz über Ungerechtigkeit und Zerstörung legte er in diese Arbeit, seine erste für die katholische Kirche, entstanden noch dazu in einem Weingarten.

Feuer im Weingarten. Nicht in dem Weingarten des Herrn, wie er in der Bibel genannt wird. Sondern im Weingarten der Schwiegermutter seines Galeristen, Ernst Hilger, im Burgenland. Dort wurden die Feuer entzündet, die an den Rändern der Tücher nagten, manchmal Löcher brannten, durch die man jetzt auf das Hauptaltarbild blicken kann. Dort rieb Kirchmayr in strömendem Regen Glut und Asche ins Gewebe. Man riecht es sogar noch ein wenig. Zu wenig, findet er. Was wird nach der Fastenzeit mit dem Tuch geschehen? Es soll auf Wanderschaft gehen, in unterschiedliche Kirchen.

Der Bedarf scheint gegeben wie seit dem Mittelalter nicht dagewesen: Die Tradition des Fastentuchs feiert fröhliche Urständ dieser Jahre. In den 1980er-Jahren begann die katholische Kirche langsam erst, die eigenen historischen Tücher wieder zu schätzen. Und auch zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler zur Neuinterpretation einzuladen. Was vereinzelt geschah, auch hier in der Michaelerkirche schon, wo man 1994 tatsächlich Alfred Hrdlicka dazu einlud.

 

Eventisierung. Spätestens seit Dompfarrer Toni Faber vor zehn Jahren mit dem Stephansdom eingestiegen ist, wurde die jährliche Präsentation eines neuen Fastentuchs endgültig zum „Event“, heuer durch „Skandalkünstler“ Gottfried Helnwein sowieso, der das Turiner-Grabtuch-Motiv dafür auf den Kopf gestellt hat, als wäre es von Georg Baselitz gemalt worden (die „Presse“ berichtete). Derlei zeitgeistige Beliebtheit hätte sich der alte „Schmachtlappen“, wie dieses liturgische Textil im Volksmund genannt wurde, auch nicht träumen lassen (wäre er dazu in der Lage).

Mittlerweile ist aber ein regelrechter Fastentuch-Tourismus ausgebrochen, vor allem in Kärnten, wo die ältesten und schönsten historischen Beispiele in Österreich, teils im alpinen Raum überhaupt, erhalten sind: Allen voran das Fastentuch im Gurker Dom von 1458. Aber auch die zwei in Millstatt und in Haimburg sind Reisen wert. Alle zeigen sie dieselbe erzählerische Systematik: Biblische Geschichten werden in Kästchen nebeneinander gemalt, mosaikhaft könnte man sagen. Oder auch wie frühe Comics lesbar. Man weiß gar nicht, wo anfangen mit dem Schauen.

Das „Fasten für die Augen“, wozu sie eigentlich gedacht waren, indem sie das Heiligste in der Zeit vor Ostern verdecken, kann so heute nur noch schwer nachvollzogen werden. Was mit der Reform der Liturgie zu tun hat und unserem abnehmenden Sinn fürs rituelle Wunder: Denn ursprünglich sollte durch das Fastentuch vor allem die Wandlung selbst den Blicken entzogen werden. Diesem Geschehnis am Hochaltar nicht zusehen zu können, wurde von den Gläubigen als Verzicht empfunden. So sehr, dass davon sogar das Sprichwort „am Hungertuch nagen“ abgeleitet werden kann.

 

Rothemann in der Jesuitenkirche. Übersetzen wir das heute mit Reduktion und Konzentration, ist man in der Jesuitenkirche richtig. Wir treffen dort Gabriele Rothemann. Die Fotokünstlerin und Professorin auf der Angewandten ist mittlerweile fast Fastentuch-Profi, es ist ihr mittlerweile drittes Mal, dass sie dafür von Künstlerseelsorger Gustav Schörghofer gefragt wurde. Langsam gehen wir den Mittelgang nach vorne, unter Pozzos Scheinkuppel durch. Eigentlich stammt das Fastentuch von 2020. Aber praktisch niemand habe es damals gesehen, erzählt Rothemann. Wenige Tage, nachdem es hing, setzte der erste Coronalockdown ein.

Auch hier wird, wie im Stephansdom, mit der Umkehrung eines Motivs gespielt. Aber mit was für künstlerischer Feinfühligkeit und Intelligenz. Schwer ist die weiße Gestalt auf dem tiefschwarzen Grund zu deuten anfangs – eine Qualle? Eine Rauchsäule?

Vom Flüssigen ins Gasförmige. Es ist ein umgedrehter Wasserfall, den Rothemann 2014 im Yosemite-Nationalpark in den USA fotografierte, typisch für sie mit einer Großbildkamera. Schon damals dachte sie daran, das mächtige Gefälle umzudrehen, um eine für sie ebenfalls schon damals spürbare „Stimmung der Labilität“ auf der Welt auszudrücken. Eine ungeheure Zartheit entwickelt dieser in natura so mächtige Wasserfall dadurch. Auch eine Art Umkehrung der Aggregatszustände scheint durch diesen Trick auf fast magische Weise stattzufinden – vom Flüssigen ins Gasförmige. Großartig.

 

Der Jesuit Schörghofer ist einer der frühesten und beständigsten Vermittler zwischen Kunst und Kirche. Genauso wie Hermann Glettler es ist, der vor mehr als 20 Jahren schon die Kirche St. Andrä in Graz als eine experimentelle Kirche der Künste möglich werden ließ. Jetzt, als Bischof in Tirol, implementiert er diese Weite in den Gedanken und im Gedenken auch hier – mit heuer sogar fünf zeitgenössischen Fastentüchern in Innsbrucks Kirchen.

Gemeinsam machen wir uns auf den Weg zu diesen temporären Interventionen, wie man im Kunstjargon sagen würde. Drei der Stationen werden noch lange, wenn man schon längst wieder auf Schienen zurück nach Wien ist, vor Augen bleiben: Das sattschwarze Loch, das sich in der Universitätskirche mitten am Altar auftut, alles verschlungen zu haben scheint, was hier sonst prangt (der Hl. Johannes Nepomuk). Henry Jesionka hat diese Metallscheibe montiert, gemeinsam mit einer „Ikone“ im Eingangsbereich, die Stephen Hawking zeigt. Um Genie und Abgründe geht es hier, um das Aushaltenkönnen von Ambivalenzen. In der Wissenschaft, aber auch im Gebet. Wenn man eben nicht erhört wird, so Glettler.

 

Abgeschlagener Kopf. Ein Ding der Unmöglichkeit, folgt man dem malerischen Energiestoßgebet, das Herbert Brandl in der Servitenkirche loslässt: Eine abstrakte Hommage an barocke Himmelsblicke. Zuletzt liegt da ein überdimensionaler Kopf, ein abgeschlagener Kopf. Wie von Salome gefordert. Direkt vor dem Hochaltar des Innsbrucker Doms, der mittels schlichtem Tuch einfach ausgeblendet wurde.

Der ganze Altarraum gehört so nur dem Opfer des Paters Franz Reinisch, dem der Bildhauer Lois Anvidalfarei hier ein massives, eindrucksvolles Denkmal setzt. 1942 wurde Reinisch enthauptet, nachdem er sich weigerte, den Fahneneid auf Hitler abzulegen. Seine Seligsprechung steht kurz bevor, erfährt man. Der Bronzekopf ist ihr Bote. Zum Fastentuch gesellt sich die Fastenskulptur, hiermit erfunden.