DER GESCHMACK VON ERDE IST NIRGENDWO GLEICH

Zu den aktuellen Werken von Jakob Kirchmayr

Text: Erwin Uhrmann

„Längs der Grenze des Seins“ lautet eine Textzeile, die Jakob Kirchmayr in eines seiner neuen Werke geschrieben hat. Sie stammt aus dem Gedicht „Die Steine“ des schwedischen Dichters und Nobelpreisträgers Tomas Tranströmer. Zu sehen sind Eiskrusten, gefrorener dunkler Boden, gelber Himmel, von dem es Steine regnet. Die Farben, die Stimmung und das Licht ergeben ein Bild des Nordens, wie es den Dichtungen Tranströmers häufig innewohnt. Die Steine, im Gedicht metaphorisch für menschliche Handlungen eingesetzt, fallen durch diese Landschaft auf den Boden, der für den Dichter nichts anderes ist als der Mensch selbst.

Mit seinen neuen Arbeiten wendet sich Kirchmayr vollkommen ab von seinem bisher so sorgfältig ausdifferenzierten Figurenrepertoire. Er verlässt den geschlossenen Raum und begibt sich auf die Suche nach der maximalen Offenheit von Bildräumen und Landschaften. Für diese hat er keine realen Vorbilder, sie sind imaginiert oder übertragen – übertragen aus der Lyrik oder imaginiert aus den eigenen Erinnerungen und Erfahrungen.

Neben Tomas Tranströmer beschäftigen Kirchmayr zwei weitere große Lyrikpositionen des 20. Jahrhunderts: Die polnische Nobelpreisträgerin Wisława Szymborska und der griechische Dichter Jannis Ritsos. Alternierend setzt er Fragmente aus deren Texten in seinen Arbeiten ein. Subtil erscheinen Worte, oder Textzeilen verwoben in die Malereien und Zeichnungen. Nie werden Gedichte vermischt, nie mehr als eines pro Werk verwendet, nie dienen sie als bloße Vorlage. Kirchmayr arbeitet sich in die Texte hinein, während sich gleichzeitig konkrete Bilder aus den Textflächen manifestieren. Die aus dieser Gegenbewegung heraus entstandenen Arbeiten wachsen am Ende mit dem Kern der lyrischen Texte zusammen. Bei den aus diesem Prozess gewonnenen Textfragmente handelt es sich um Destillate einer längeren Beschäftigung mit den für Kirchmayr relevanten Fragestellungen aus den Texten, die er manches Mal in Form von Sätzen offenlegt, manches Mal nur als Worte andeutet. In vielen Fällen verzichtet er gänzlich auf die textliche Ebene und reduziert auf den Bildinhalt.

Die Maltücher aus Baumwolle spannt Kirchmayr in keinen Rahmen. Gewaschen und ungeglättet, teilweise die lose davonhängenden Fäden gerafft, wirken sie nach dem Farbauftrag stellenweise wie Reliefkarten. So verwandelt sich etwa eine in mehreren Mal- und Zeichnungsschichten aufgebaute Landschaft mit schwarzen und blauen Flächen in einen Gebirgszug des Nordens. Die zweidimensionalen Ebenen treten aus ihrer Oberfläche hervor, die Malereien bekommen skulpturalen Charakter. Ähnlich verhält es sich mit den Papierarbeiten, die sich in der Bearbeitung wellen, biegsam werden und allmählich zu räumlichen Gegenständen aushärten.
Diese Arbeiten entledigen sich der üblichen Grenzen der Präsentation, sie öffnen den Blick auf ein Feld, das sich weit über den Bildrand hinaus erstreckt, weiter, als das Abgebildete zunächst vorgibt. Dabei sind die Fluchtlinien so angelegt, dass sie aus den Bildträgern hinausstreben.

Wie Wisława Szymborskas Gedichte, die oft scheinbar unmittelbar aus dem Alltag gegriffen wirken, jedoch philosophische Fragestellungen oder eine größere historische Dimension und die eigenen Lebenserfahrungen in der Sowjetunion und der postkommunistischen Zeit mit einfließen lassen, lesen sich Kirchmayrs Arbeiten als mehrdeutige Kompositionen. Überträgt er Fragmente von Gedichten, welche an sich schon eine verdichtete, abstrahierte, auf das Wesentliche reduzierte Textform darstellen, auf die Bildebene, so reichert er sie mit eigenen und fremden Erfahrungen an. Die Landschaften sind dabei immer vom Menschen und seinen Handlungen durchdrungene Flächen, die metaphorisch für Zustände, Veränderungen und die Verortung des Individuums stehen.

Wenn Kirchmayr Jannis Ritsos’ Dichtungen heranzieht, so vermischt er die eigenen Erfahrungen aus der Kindheit in Griechenland mit der Atmosphäre, die in seinem Atelier beim Lesen der Dichtungen entstand, und welche ihm aufgrund ihrer Tonalität und der Beschreibung der Landschaft als Auslöser diente. Es sind Erinnerungen an glückliche Zeiten als Kind auf Reisen und während längerer und immer wiederkehrender Griechenland-Aufenthalte mit den Eltern, in einfachen Verhältnissen und beseelt von einem anderen Weltbild. Aus der Perspektive des erwachsenen Künstlers handelt es sich dabei auch um zeitgeschichtliche Beobachtungen der Veränderungen von gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen, die Griechenland vor kurzem noch in den Fokus des weltwirtschaftlichen und politischen Geschehens rückten.
Jannis Ritsos wiederum erlebte ein gänzlich anderes Griechenland, als linker Avantgardist und Pazifist, als Chronist des Widerstands während der nationalsozialistischen Okkupation oder als Verfolgter in der Militärdiktatur der Junta-Zeit.
Aus der Synthese des selbst Erlebten und des durch Ritsos’ Dichtung Erfahrenen und Übertragenen ergeben sich bei Kirchmayr Landschaften, in denen sich das gesamte Zeitgeschehen abspielt, von den blutigen Kämpfen bis zu den friedlichen Urlauben: rote Erde, trockene Äste, lichtblaue Horizonte. Die Landschaft speichert und sie überdauert.

In der Beschäftigung mit Jannis Ritsos, Wisława Szymborska und Tomas Tranströmer spannt Kirchmayr einen weiten inhaltlichen Bogen vom Süden zum Norden. Nicht nur in ihren poetologischen und inhaltlichen Ausrichtungen unterscheiden sich die Dichterin und die zwei Dichter. Sie lebten in unterschiedlichen Verhältnissen und stehen Pate für das bewegte und weltverändernde 20. Jahrhundert. Tranströmer als Dichter in einem demokratischen Land, der in behaglichen Verhältnissen leben durfte und einen Brotberuf ausübte, Szymborska als Autorin in einem kommunistischen Land, deren anfängliche ideologische Überzeugungen bald enttäuscht wurden, und eine Kehrtwende in ihr hervorriefen, und Ritsos als kämpferischer, widerständiger Dichter und als Verfolgter. Bildlich manifestieren sich diese Unterschiede in den Landschaften Kirchmayrs, die von einer Welt im Wandel zeugen und die Wurzeln für die polarisierenden Verhältnisse der Gegenwart in den Umwälzungen des 20. Jahrhunderts begründen.

Kirchmayr nutzt die Landschaft nicht nur als Metapher und Projektionsfläche für individuelle Erfahrungen, er schafft mit seinen unterschiedlichen Topografien vielmehr Bilder des kollektiven Gedächtnisses, welche für die Betrachtenden als Auslöser funktionieren. Der Geschmack von Erde ist nirgendwo gleich.

Erwin Uhrmann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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