SCHAMLOS GUT

Text: Felicitas Amler, Süddeutsche Zeitung, 14. September 2015

Der österreichische Zeichner Jakob Kirchmayr setzt Bukowski-Gedichte in Bilder um, seziert die vermeintlich bessere Gesellschaft und karikiert Privatsphären.

 

Der Mann hat bemerkenswerte Lese-Vorlieben: Georg Christoph Lichtenberg und Charles Bukowski. Der große Philosoph und Aphoristiker des 18. Jahrhunderts hat Jakob Kirchmayr ebenso zum Zeichnen inspiriert wie der “Dirty Old Man” der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Die Ergebnisse des einen Prozesses konnten Besucher im Frühjahr im Wilhelm-Busch-Museum Hannover begutachten. Dort hingen die Kirchmayrs neben den Werken so renommierter Künstler wie Horst Janssen und Robert Gernhardt. Sein Bukowski-Zyklus ist aktuell in der Galerie Pratschke in Deining zu sehen. Und er ist wahrlich sehenswert.

Jakob Kirchmayr, 40 Jahre alt, gebürtig aus Tirol wie Galeriebetreiberin Carmen Pratschke, hat Malerei und Grafik in Innsbruck und an der Akademie in Wien studiert und lebt in der österreichischen Hauptstadt. Er ist ein großartiger Zeichner, ein gnadenloser Beobachter und ein witziger, hintersinniger Typ. Über Bukowski, den man (und schon gar Frau) gewiss nicht mögen muss, sagt Kirchmayr: “Er spielt mir entgegen.” Damit meint er die drastische, im Wortsinn schamlose Art des Dichters, die der Zeichner lustvoll im gleichen Stil weiterspinnt. Die letzten Worte eines solchen Gedichts haben der Ausstellung in Deining den Titel gegeben: “All thanks to an ugly horse”. Auf der Zeichnung erkennt man auf den ersten Blick nur ein Pferd, denkt sich womöglich: Guter Strich – aber was soll’s? Und schaut doch genauer hin: Auf dem Rücken des mit gelbzahnig grinsenden Pferdes spielt sich gerade ein menschlich-geschlechtlicher Ritt ab. (Wer die Geschichte, die dahintersteht, nachlesen will: Der Titel ist “Ein 300-Dollar-Pferd und eine 100-Dollar-Hure“.)

Humor und Schrecken, Lust und Leid, Hoffnung und Tod – dies sind nach den Worten von Marlene Pratschke, die zur Eröffnung sprach, Kirchmayrs Themen. Zu sehen sei ein gesellschaftliches Psychogramm. Tatsächlich haben die Arbeiten, meist mit Farbstift, Tusche, Ölkreide und Acryl auf Papier, etwas Sezierendes. Menschliche Gesichter wirken wie enthäutet, fratzenhaft, zähnefletschend. Ein großformatiges Bild, das im unteren Raum der Galerie eine Stirnwand dominiert, trägt das sogar im Titel: “Das maulfletschende Lächeln, mit dem der Teufel seine Lieblinge zeichnet”. Die Lieblinge sind die vermeintlich besseren Kreise der Gesellschaft. Die werden auch im Bild “Drei Nymphen” karikiert oder im “Empfang im Konsulat”, der drei ziemlich vertrocknet wirkende Figuren der Lächerlichkeit preisgibt.

Der Zeichner dringt auch in privatere Sphären vor, etwa wenn er einem trostlos nebeneinandersitzenden Paar den Titel gibt: “Ein langes Glück verliert schon bloß durch seine Dauer”. Daneben kann man in der Ausstellung einen anderen Kirchmayr entdecken, jenen, der sich in Österreich einen Namen gemacht hat als Sagen- und als Kinderbuch-Illustrator. Seinen wilden, eigenwilligen Strich verleugnet er auch da nicht. Aber die Zeichnungen müssten Kindern schon gefallen und ihnen Freude machen, sagt der Künstler. Das tun sie in ihrer pumuckelhaften Ausstrahlung gewiss.

Ein Besucher der Vernissage am vergangenen Freitag war eigens aus der Nähe von Kitzbühel angereist, um den, wie er findet, grandiosen Zeichner zu sehen. Man kann das verstehen. 

 

 

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