Tiroler Tageszeitung, Sonntag, 8. März 2026, von Julia Brader 

War schwer meinen Weg zu finden

INNSBRUCK, WIEN Jakob Kirchmayr ist Künstler in dritter Generation. In seinem Œuvre spiegeln sich Kindheitserinnerungen ebenso wie die Natur wider. Über einen suchenden Schöngeist. Von Julia Brader
 

Jakob Kirchmayr wuchs in einer Künstlerfamilie auf, entwickelte früh ein Gespür für Farben, Linien und Bildkompositionen. Bereits der Großvater, Toni Kirchmayr, war Maler. Sein Vater Anton Christian, der ihn das Zeichnen lehrte, ebenfalls. „Ich dachte, dieser Pfad sei ausgetreten. Da gäbe es für mich keinen Raum für Entwicklung“, sagt Kirchmayr.

Im Laufe seines Studiums – Kirchmayr studierte an der Akademie der Bildenden Künste Wien Restaurierung und Konservierung – wuchs die Begeisterung für die Illustration. Projekte wie die Bebilderung der im Tyrolia Verlag erschienenen Sagen-Reihe entstanden. Eine von Kirchmayr angestrebte Zusammenarbeit mit dem Diogenes-Verlag kam jedoch nie zustande. „Ich hatte mich so darauf eingeschossen, nach der Absage konnte ich monatelang nicht arbeiten. Ich dachte mir, ihr könnt mich alle gernhaben – ich mache nur noch großformatige Bilder.“

Das war Anfang der 2010er-Jahre. Heute ist der 51-Jährige als Künstler in verschiedenen Galerien vertreten. Den Kunstmarkt empfinde er als „unschön“ – besonders für junge Menschen. Man sei vielen negativen Dingen ausgesetzt wie dem Neid. „Ich darf mich glücklich schätzen, ich bin einer der wenigen, die von ihrer Kunst leben können. Aber man braucht eine dicke Haut.“ Es sei, so Kirchmayr selbst, für ihn aufgrund seiner familiären Prägung schwer gewesen, den eigenen Weg zu finden.

Der Vater, Freund und Künstler

Zu seinem Vater, Anton Christian, habe Kirchmayr „eine unglaublich gute und starke Beziehung“. Dass er beruflich immer wieder mit ihm verglichen werde, könne er nachvollziehen. „Wir teilen eine gemeinsame Vergangenheit. Da ist es klar, dass man ähnliche Erinnerungen hat, die sich in irgendeiner Form bemerkbar machen.“ Die Befruchtung sei durchaus gegenseitig. „Er ist nicht nur mein Vater, sondern auch ein sehr guter Freund.“

Man tausche sich aus, Anton Christian male und zeichne mitunter figurativer, sagt der Sohn. Er selbst meide das Konkrete nahezu, oszilliere zwischen Unschärfe und Reduktion. Als „abstrakte Landschaften“ bezeichnet Kirchmayr seine Werke. Das unmittelbare „Erfahren“ von Natur – Kirchmayr lässt sich mit Kanu und Kajak auf Europas Flüssen treiben – diene ihm als Inspirationsquelle. Langsam und leise, um genau hinsehen zu können. Er habe „einen direkten, archaischen Zugang zur Natur“ entwickelt. Die Kunst ist dabei keine mimetische Re- produktion, sondern vielmehr Transformation von Empfindungen in Farbe und Struktur.

Auch die Technik folgt dieser Philosophie. Kirchmayr malt auf sogenanntem Lokta, handgeschöpftem Papier aus Nepal. Nicht perfekt und mit einer textilhaften Struktur versehen, verleiht es seinen Bildern etwas nahezu Skulpturales. Die Farben, auf Halbkreidegrund basierend, verdünnt Kirchmayr mit Wasser und appliziert sie im Schüttverfahren auf den am Boden liegenden Untergrund. Das Papier saugt sich voll, wellt sich, trocknet rau auf. „Ich arbeite gerne an großformatigen Bildern. Die Arbeitsweise ist hier anders, die Bewegungen kommen aus dem ganzen Körper. So entsteht eine stärkere Dynamik“, sagt der Künstler.

Chromatische Akzente setzt er vor allem mit zurückhaltend eingesetztem Ultramarinblau. „Wenn man es inflationär verwendet, ist es meistens zu viel. Die Strahlkraft des Pigments ist betörend.“
Zu sehen sind seine Werke mitunter in der Galerie Rhomberg. Das Fastentuch, das über dem Altar des Doms zu St. Jakob angebracht ist, stammt ebenfalls von ihm. „Ich wollte kein Bild malen. Es erschien mir nicht sinn- voll, mit meiner Malerei an- dere Bilder und Symbole zu verdecken“, sagt er. Stattdes- sen besann sich Kirchmayr, seinen Überzeugungen fol- gend, auf das Archaische zurück. Er überließ dem Feuer das Wort, ließ die Ele- mente ihre Spuren auf den Tüchern hinterlassen. Bald stellt Kirchmayr in Imst aus. Es passiere gerade recht viel, freut sich der Künstler.